Szenen aus One

Hier kannst du in ein paar Szenen aus "One" eintauchen und ihre tiefe Symbolik entdecken.


Als Aina Rece begegnete

Es war eine Vollmondnacht. Aina war schon immer fasziniert von der Nacht und dem Mond gewesen, da sie hier genau das Gegenstück dessen sah, was sie ausmachte und lebte. Sie war das Licht und die Hoffnung der Stadt und der Menschen - immer hilfsbereit, immer für alle da, immer liebevoll und fürsorglich und immer lächelnd und positiv. Auch ihr Äußeres spiegelte durch ihre strahlende, "glatte" Schönheit diese positive, lichte Seite wider. Sie war buchstäblich die leuchtende Sonne, das Licht der Welt. Nur in der Nacht musste sie diese Rolle nicht spielen. In der Nacht war sie frei davon. Und so schien die Nacht mit dem magischen Mond ihren absoluten Gegenpol zu repräsentieren: Dunkelheit, Kälte, Stille. In der Dunkelheit der Nacht, wenn sie für sich allein war, gab es keine Rolle für sie zu spielen. Sie musste nicht der Engel sein, den alle in ihr sahen - und der sie auch selbst sein wollte. Alles Müssen, jede Rolle und alle Masken fielen in der Nacht von ihr ab. Regelrecht mondsüchtig spürte sie des nachts eine unbekannte Sehnsucht nach etwas, das ihr fehlte. Etwas, das sie vermisste. Und so gab sie sich so gern der Dunkelheit und dem Mondlicht hin, auf der Suche nach dem fehlenden Stück, das sie ganz machte. Dass das fehlende Stück ihr absoluter Gegenpol war, war ihr natürlich nicht klar. Und so gern sie diese Dunkelheit und das Mondlicht auch mochte, rief es etwas in ihr hervor, das ihr Angst machte und das sie zu betäuben versuchte, bevor es die Kontrolle übernahm. Es waren ihre Schatten. Nachts kamen sie hervor und suchten nach Erlösung, wurden jedoch weiterhin von ihr unterdrückt. Erst in jener Nacht, als Rece in ihrer Balkontür stand und sie still ansah, spürte sie, dass sie die Kontrolle darüber verlor. Denn all ihre Schatten standen als Manifestation einer Person vor ihr. Und sie ahnte, dass es keine Möglichkeit mehr gab, sie zu verdrängen. Denn so finster Rece auch war, so anziehend war er auch für sie. Ihre abgespaltenen Schatten drängten nach Einheit - und sie hatte keine Chance zu widerstehen.

Erinnerst du dich? Es war, als spiegele er sie direkt wider. Sogar ihrer beide Bewegungen waren direkt und unmittelbar gespiegelt. Er stand vor ihr wie ein Spiegelbild ihres Inneren - ein Spiegelbild all dessen, was sie ablehnte und verdrängte und gleichzeitig faszinierte. Sie hatte keine Chance mehr, ihre Schatten zu verdrängen. Sie waren so mächtig geworden, dass sie nun in Form einer Person vor ihr standen. Und sie lösten ein Feuer in ihr aus, das nur noch einen Wunsch kannte: Alles, was er war, in sich aufzunehmen. Und ihm ging es genauso.

Die beiden größten gegensätzlichen Pole standen voreinander und hatten nur einen Wunsch: Vereinigung. Es drängte sie nach der Auflösung ihrer Gegensätzlichkeit. Und die Anziehung war so stark, dass ihr Schicksal in diesem Moment besiegelt war. Die Polarität drängte nach Einheit zurück und sie konnten nicht anders, als sich diesem Drang hinzugeben. Dieser schicksalhafte Moment löste in ihnen beiden eine radikale Veränderung aus. Sie war nicht mehr dazu in der Lage, ihre Schatten abzulehnen - und er war nicht mehr fähig, seinen Gegenpol zu vernichten. Denn in Wirklichkeit gab es diese Gegensätzlichkeit nicht - es hatte sie nie gegeben. Im Laufe der Geschichte würden sie das beide mehr als deutlich am eigenen Leib erfahren. Doch in diesem Moment wurde der Verlauf der Geschichte besiegelt. Dieser Moment läutete die Apokalypse ein - die Entschleierung der Welt.


Als Mias Kräfte ausbrachen

Mias 16. Geburtstag rückte immer näher. Und mit ihrem nahenden Geburtstag stieg eine Kraft in ihr an, die sie von ihrem Vater geerbt hatte: Die Dunkelheit. Eines schicksalhaften Tages verwüstete ein Unwettter ihre Schule und tötete fast einen Jungen, der sie immer geärgert hatte. Erinnerst du dich?

Mia ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieses Unwetter durch sie ausgelöst worden war. Denn in ihr schlummerte eine Macht, die als der Schatten der Welt bezeichnet werden konnte. Alles, was die Menschen fürchteten, alles, was sie ablehnten und was sie in den Schatten verdrängten, war ihre Kraft! Von Geburt an verfügte sie schon darüber. Sie hatte die Macht über alles, was für die Menschen im Dunklen lag und was ihnen Angst machte: Unwetter, Kälte, Feuer, negative Gefühle, Tod, Unglück ... aber auch verdrängte Leidenschaften, verbotene Gelüste, unterdrückte Gefühle. All das konnte sie hervorrufen und kontrollieren. Schließlich war sie das Kind des Teufels, der die Manifestation all der Dunkelheit auf der Welt war. Als ihr 16. Geburtstag näher rückte, brachen diese dunklen Kräfte schließlich aus ihr heraus. Ihr Leben lang hatte sie sie unterdrückt - so wie die Menschen es immer taten. Sie wollte ein ganz normales Mädchen sein und gemocht werden. Doch die Dunkelheit in ihrer Aura hatte den Menschen schon immer Angst gemacht. Sie löste etwas in ihnen aus, das sie nicht wollten: Ihre Schatten. Und so zog sie sich immer mehr in sich selbst zurück, weil sie den Menschen nicht schaden wollte und unterdrückte alles Dunkle in sich. Bis ein Junge sie eines Tages so sehr provozierte, dass sie die Kontrolle darüber verlor.

Ein Unwetter kam auf. Denn Unwetter waren schon immer etwas, das die Menschen in Angst versetzen konnte. Und so verfügte Mia darüber - ohne es zu wissen. Dunkle Wolken, Blitz und Donner, Hagel, dichter Nebel, peitschender Regen, ja sogar ein kleiner Tornado verwüstete den Schulhof. Die Windhose hob den Jungen in die Luft und Mias dunkle Aura tötete ihn fast.

Was geschieht, wenn etwas unterdrückt wird? Es bahnt sich einen Weg nach draußen. Irgendwie wird es ausbrechen - früher oder später. Wir verlieren die Kontrolle darüber.

Mias Vater hatte ihr stets versucht beizubringen, dass sie alles annehmen muss, was in ihr ist - so schmerzhaft und dunkel es auch sein mag. Auf diese Weise hätte sie die volle Kontrolle über die in ihr erwachenden Kräfte gehabt. Doch die Akzeptanz fiel ihr ebenso schwer, wie ihrer Mutter damals. Und das führte schließlich dazu, dass die Dunkelheit in ihr nicht nur stärker wurde, sondern auch, dass sie die Kontrolle darüber verlor.

Die Szene, in der Mias Kraft erwacht, ist eine Schlüsselszene. Sie hat eine tiefe Bedeutung und eine wichtige Botschaft: Druck erzeugt Gegendruck, Kampf führt zu Kampf und eine Verdrängung der Dunkelheit ruft diese erst hervor und macht sie stärker.


Als Mia ihren ersten Schatten sah

Jona hatte es vorausgesehen. Erinnerst du dich? Mia war so verletzt darüber, dass sie den Menschen, die sie liebte, immer nur Schaden zufügte, dass sie fort lief. Und sie war so blind vor Schmerz, dass sie direkt auf das Feld hinaus lief, das Jona in seiner Vision gesehen hatte. Er lief ihr natürlich nach, um sie zu trösten. Und so geschah das Unvermeidliche: Seine Vision wurde wahr.

Mia begegnete auf diesem Feld zum ersten Mal einem Schatten. Der Nebel stieg rasend schnell auf und versperrte ihr die Sicht. Sie wusste nicht mehr, in welche Richtung sie laufen musste, um zurück zu finden. Und dann hörte sie ein tiefes, kehliges Knurren irgendwo im Nebel. Etwas Dunkles bäumte sich vor ihr auf. Schwarz wie die Nacht. Wie eine schwarze Wolke mitten in dem milchigen Weiß, in dem sie stand. Zunächst war es nur ein formloses, wolkenartiges Gebilde aus tiefem Schwarz - donnernd und erschütternd. Doch dann nahm es eine menschliche Gestalt an und stand schließlich vor ihr wie eine Person, die aus nichts als aus Dunkelheit bestand. Natürlich hatte Mia keine Angst vor dem Wesen. Im Gegenteil. Es faszinierte sie eher. Und sie spürte eine seltsame Art von Verbundenheit zu dem Wesen. Diese Reaktion überraschte sie zwar, war aber vollkommen natürlich. Denn das Wesen bestand aus derselben Energie wie Mia. Es bestand aus alldem, was Mias Kontrolle unterlag. Und deshalb konnte es ihr natürlich auch nicht schaden.

Jona hingegen starb fast in der Gegenwart dieses Wesens. Denn es löste auf extremste Weise jegliche Form von Dunkelheit in den Menschen aus, die in ihrer Nähe waren. So auch in Jona, der Mia suchte. Wie du sicher noch weißt, wurde Jona schließlich von Ramon gerettet, der das dunkle Wesen in sich aufsog und damit vernichtete.

In dieser Szene liegt ebenfalls eine wichtige Botschaft verborgen. Das Wesen konnte Jona erheblichen Schaden zufügen, jedoch war es nicht in der Lage Mia oder Ramon zu schaden. Der Grund ist noch simpler als es den Anschein hat. Mia und Ramon sind auf Grund ihrer Schöpfung bereits ein Teil der Dunkelheit bzw. die Dunkelheit ist ein Teil von ihnen. Somit sind sie damit in gewisser Weise in Harmonie - auch wenn sie die Dunkelheit ablehnen. Aber sie ist ein Teil von ihnen, ein Teil ihrer Schöpfung. Es besteht also ein gewisser Grad von Akzeptanz.

Jona hingegen sieht sich selbst als das Gegenteil der Dunkelheit und in keinster Weise als Teil davon. Diese Trennung/Abspaltung führt schließlich dazu, dass das dunkle Wesen Jona Schaden zufügen kann, weil es alles in ihm auslöst, was er ablehnt. Es ist also eigentlich gar nicht die Dunkelheit, die ihn fast tötet, sondern sein Widerstand dagegen.

Dass Ramon dieses Wesen in sich aufsaugt, um es zu vernichten, zeigt symbolisch und auch etwas radikal, wie man die Dunkelheit auflöst: Durch Akzeptanz/Annahme. Diese Szene hat eine tiefe Bedeutung und Symbolik. Mia sagt später scherzhaft zu Ramon, dass er das Wesen "gefressen" hat. Und das hat er auf gewisse Weise auch. Er hat es in sich aufgenommen, es angenommen und es damit aufgelöst. Die Dunkelheit kann im Licht der Akzeptanz nicht existieren. Denn sie lebt von unserem Widerstand.