Euphoria

Leseproben

Kapitel 1.7

[...] Als er die Tür zwischen zwei Wagons öffnete und den Gang betrat, gab es plötzlich einen heftigen Ruck und ein ohrenbetäubendes Quietschen hallte schrill durch die Wagons und Abteile. Er verlor das Gleichgewicht, stolperte und fiel direkt in den Kaffee, der sich auf dem Boden ergoss. Die Brötchentüte flog den Gang hinunter. Dann durchzog ihn ein kaltes, unangenehmes Gefühl, das ihm wie ein Seil die Brust zuschnürte. Gefahr! Und Angst. Seine Intuition schlug ihm so heftig um die Ohren, dass er plötzlich wieder ganz klare Bilder sehen konnte. Ein Konvoi von schwarzen Autos. Direkt neben dem Zug, der jetzt mit mehreren Rucks zum Stehen kam. Zu früh. Der nächste Bahnhof war noch weit entfernt.
Nikolas sprang sofort auf und lief durch die Gänge. Er verschwendete keine Zeit damit in Lucys und seinem Abteil nachzusehen, ob es ihr gut ging. Er wusste, dass sie nicht mehr dort war. Er rauschte so schnell an den Leuten vorbei, die mit erstaunten Gesichtern in den Gängen standen, dass er einige von ihnen ziemlich hart anrempelte. Er hörte ihre empörten und verwirrten Gedanken über ihn und die schwarzen Autos vor dem Zug auf der Landstraße. Und als er sie sich fragen hörte, was die Leute dort mit dem Mädchen anstellten, stieß er einen wütenden Schrei aus. Während er aus dem Zug sprang, sah er sie schon wegfahren. So schnell, dass er sie nie im Leben hätte einholen können. Egal, wie schnell er war. Aber er lief trotzdem. Er spürte, wie das Adrenalin in seinem Körper explodierte und das Blut in seine Arme und Beine gepumpt wurde. Seine Muskeln spannten sich an und ließen ihn über die Straße fliegen. Aber sie waren schneller. Verzweifelt versuchte er mit seinen Gedanken die Motoren der Wagen abzuwürgen, aber seine Angst, seine verfluchte Angst war im Weg. Und die Erinnerung an ein früheres Ereignis jagte ihm einen altbekannten Schmerz durch die Glieder und lähmte seine Fähigkeiten. Er war nicht in der Lage einen Gedanken in seinem Kopf festzuhalten, um ihn zu verwirklichen. Sie jagten sich gegenseitig davon, zerstörten sich, schwächten sich. Und was zurückblieb, war nur die Angst. Die Angst sie zu verlieren.
Als sie so weit weg waren, dass er sie kaum noch sehen konnte, fiel er auf die Knie und stützte sich mit den Fäusten auf dem steinigen Boden ab. Er spürte die spitzen Steine nicht, die sich in seine Haut drückten. Er spürte nur die Wut in seinem Bauch. Sie bebte und vibrierte so stark, dass er die Kontrolle über sie verlor. Schon wieder. Aus dem Augenwinkel sah er, wie das Licht in den Zugabteilen anfing zu flackern. Vor ihm zerbröselten die Steine durch die zerstörerische Kraft seiner Gefühle zu Sand und die Ähren am Wegesrand bogen sich von ihm weg, als rolle eine schwere, bleierne Kugel über das Feld. [...]


Kapitel 2.7

[...] »Was machst du hier?« Miriam sah Hilar verstört an und schloss die Küchentür. Dann wischte sie sich mit einem zitternden Zeigefinger das verschmierte Augen-Make-Up aus dem Gesicht und richtete etwas nervös ihr langes, hellbraunes Haar.
Hilar stand da wie ein Zinnsoldat und starrte sie nur an. Er spürte plötzlich ein so tiefes Mitleid mit ihr, dass er sie am liebsten fest in den Arm genommen hätte. Er fühlte ihre Zerrissenheit, die tiefe Traurigkeit in ihrem Herzen und die Verzweiflung, die sich mit Erschöpfung und Müdigkeit mischten. Sie stand so hilflos da. Zitternd und völlig fertig. Aber er musste die Fassung wahren. Er durfte sich nicht zu sehr emotional in diese Angelegenheiten einbringen. Abstand, Junge! Abstand!, sagte er in Gedanken zu sich selbst. Dann holte er tief Luft und antwortete ihr.
»Ich … dachte ich komme mal vorbei und sehe nach, wie es dir geht. Du weißt schon. Nach allem, was du gestern erfahren hast. Du warst ganz schön neben der Spur.« Natürlich war das gelogen. Aber das wusste sie ja nicht. Er hatte nur irgendwie diesen Streit beenden müssen und ihm war nichts Besseres eingefallen, als mitten hinein zu platzen und die fürchterliche negative Energie in diesem Haus rapide ansteigen zu lassen. Offenbar hatte es auch funktioniert. Er hörte die Familie im Wohnzimmer jedenfalls nicht mehr streiten. Sie murmelten nur irgendetwas Unverständliches vor sich her. Aber in ihren Köpfen hörte er verwirrte Gedanken über die Situation. Ein völlig Fremder, der einfach ins Haus platzte, sich Miriam krallte und eine unerhörte Fröhlichkeit verbreitete. Sie waren tatsächlich wütend darüber. Wütend, dass er ihren Streit unterbrochen hatte. Er konnte es kaum fassen.
»Es geht mir gut«, sagte Miriam kühl. »Ich verkrafte das schon. Es ist okay.«
Hilar sah sie mit einem ungläubigen Blick an und schnaubte leise. Sie war zweifellos eine gute Lügnerin. Und womöglich konnte man auf ihr kühles, gleichgültiges Schauspiel hereinfallen, wenn man nicht gerade die Fähigkeit besaß Gedanken zu lesen und Gefühle wahrzunehmen. Aber da war sie leider an den Falschen geraten.
»Du hattest doch nicht einmal Gelegenheit darüber nachzudenken, habe ich Recht?«
Miriam sah ihn überrascht an.
»Tut mir leid, aber Schauspielerei funktioniert bei mir nicht«, fügte er entschuldigend hinzu. »Ich kann genau fühlen, was in dir vorgeht.«
Miriam trat nun einen großen Schritt zurück und blickte ihn erschrocken an. »Ich dachte ihr könnt nur Gedanken lesen?«, flüsterte sie und warf einen kurzen Blick zur Küchentür. Wenn jemand aus ihrer Familie hörte, was sie da sagte, hätten sie gleich wieder einen Grund gehabt, ein Drama zu veranstalten.
Hilar schüttelte langsam mit dem Kopf. »Da ist noch so viel mehr, wovon du nichts weißt, Miriam.« [...]